Im Juni 1998 war ESOTRONIK im Museumspark Berlin-Rüdersdorf eingeladen.
Michi Matthes leitete das Projekt:
"Ich installierte ein Bauschild (180 / 200 cm) das den Titel »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes« trägt. Es wurde an einem Gerüst am Rande des Tagebauloches direkt nach dem Fußgängertunnel zum Tagebau montiert.
Am Wochenende vor unserer Abfahrt stieß ich in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 13./14.06.1998 auf eine Immobilienanzeige, in der die Bundesvermögensverwaltung der Bundesrepublik Deutschland eine Bunkeranlage zum Kauf anbot (siehe rechte Seite). Mich faszinierte an dieser Anzeige zuerst die Kuriosität des Objektes selbst, beim Lesen der technischen Daten dann die kaum vorstellbare Dimension der Bunkeranlagen.
Die Anzeige rief Erinnerungen an den sogenannten »heißen Herbst« im Jahre 1981 wach. In diesem Jahr fiel die Entscheidung für die Aufstellung von Mittelstreckenraketen mit atomaren Sprengköpfen auf deutschen Gebiet durch die USA. Ich war in dieser Zeit in Friedensinitiativen aktiv. Unter den Demonstranten kursierte das »Gerücht« um diese gigantischen Bunkeranlagen, die von Politikern gebaut wurden, die die Meinung vertraten, daß Atomwaffen einen Krieg verhindern würden.
Ich archivierte diese Immobilienanzeige, und nahm sie zusammen mit anderen Konzepten mit nach Rüdersdorf.
Im Industriemuseum Berlin-Rüdersdorf ging es mir wie den meisten meiner Kommilitonen, die hier gewonnenen Eindrücke waren so stark, daß wir unsere Arbeiten auf die vorgefundenen Örtlichkeiten zu beziehen versuchten. Mehrere im Folgendem erklärte Gegebenheiten brachten mich dazu die Verkaufsanzeige des »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes« hervorzuholen, und sie zur Grundlage meines Konzeptes zu erklären.
Als erstes die Tatsache im Umland von Berlin zu sein. Der Verkauf der Bunkeranlagen, die im Bereich von Bonn liegen, hängt tatsächlich mit dem Umzug der Regierung nach Berlin zusammen. Der Neubau einer solchen Anlage in Rüdersdorf liegt im Bereich des Möglichen. Dennoch würde zu einem solchen Bauvorhaben kein Bauschild aufgestellt werden, da es streng geheim vollzogen werden würde. Das vier Kilometer lange und 50 Meter tiefe Loch des Tagebaus beeindruckte mich. Ich war von der Idee fasziniert, diesen gigantischen Aushub durch eine gedankliche Projektion in eine Baustelle umzufunktionieren und somit in Besitz zu nehmen. Bei meinen Recherchen vor Ort fand ich heraus, daß sich unter dem Tagebau reale Stollen und Bunkeranlagen befinden. So sollen Bunkerräume aus den 30er Jahren existieren in denen Hitler Schutz suchte. Zur Nutzung der Anlage in der Zeit der DDR wurde mir von geheimen Waffen- und Munitionsfabrikationen berichtet. Vom Amt des Tagebaus erhielt ich die Pläne zu den dort befindlichen Stollenanlagen, die zum Abpumpen des Grundwassers dienen. Die Anlage erwies sich auf frappierende Weise mit dem Grundriß der Bunkeranlage bei Bonn als fast deckungsgleich.
Mein Projekt bekam immer mehr Facetten, ich machte mich an die Ausführung. In einem Graphikbüro in Berlin bearbeitete ich die eingescante Immobilienanzeige zu meinem Bauschild um. Nach Absprache mit meinem Rechtsanwalt wurde der Bundesadler durch ein karikiertes Pendat ersetzt. Der Grundriß des Bunkers bei Bonn wurde mit dem der Stollenanlage in Rüdersdorf ausgewechselt. Die Vorlage wurde dann um das 20-fache hochkopiert und zur Druckerei gebracht. Die beim Vergrößern erreichte schlechte Qualität, die ausgefranzten Buchstaben, waren mir wichtig, da sie als Indiz dafür stehen, daß das Schild nicht »wirklich« ist. Am Rande des Tagebauloches platzierte ich das Bauschild so, daß der Besucher, der durch den Tunnel zum Tagebauloch gelangt, das Bauschild schon auf diesem Wege zur Hälfte sieht. Am Ende des Tunnels wird der Blick frei auf das gigantische Bauloch. Der Betrachter fragt sich automatisch, was er von diesem talähnlichen Aushub halten soll. Rechts unten in seinem Blickfeld bietet das Schild eine mögliche Erklärung - gleichsam einem Titel zu einem abstrakten Bild.
Mir ist an diesem Bauschild der Aspekt am wichtigsten, daß es in dieser Situation zu einem Symbol von Autorität wird. Realistisch betrachtet ist das Bauschild unmöglich. Zum einen da es eine Ankündigung eines solchen Bauvorhabens, aus Gründen der Geheimhaltung, nie geben könnte. Zum anderen disqualifiziert sich das Schild in seiner Qualität sowie durch inhaltliche und symbolische »Fehler« selbst. Der Betrachter schenkt dem Schild aber a priori seinen Glauben, ein Bauschild ist ein Bauschild, und irgendwie wirkt es offiziell. Aber dennoch wird er das Gefühl haben, etwas stimme mit diesem Schild nicht. Je mehr er sich mit ihm auseinandersetzt, um so stärker werden seine Zweifel, die letztlich überwiegen. Die Erfahrung, sich in seinen Anzweifeln bestätigen zu können, halte ich für sehr wertvoll. Dabei wird ersichtlich in welcher Form Dinge und Symbole Autorität repräsentieren.
Anfang August kehrte ich nach Rüdersdorf zurück, mein Bauschild ist abmontiert worden. Der Plan des Grundrisses der Rüdersdorfer Stollenanlage, den ich in meinem Schild verwendet hatte, war Grund der Demontage. Dieser Plan, der mir wissentlich meines Vorhabens ausgehändigt wurde stellte sich nun als streng geheim heraus. Nach meiner Änderung, ich tauschte ihn mit einem fiktiven Grundriß, der eine Melange aus Rüdersdorfer und Bonner Plan darstellt, aus, steht das Schild wieder."
Am 06.09.98 konnte ich mich über den Artikel «Rasante Fahrt über Stock und Stein« im Tagesspiegel wundern. Ein Reporter, der an einer Geländerundfahrt teilnimmt, beschreibt am Ende seines Artikels die »Baustelle für den Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes«. Selbst beim Zitieren der technischen Daten »... auf einer Fläche von 8300 Quadratmetern. Dafür werden Stollen auf insgesamt 19 Kilometern ausgebaut.« will ihm der Verdacht nicht kommen, daß dieses einsame, obskure Schild niemals der Brisanz und Dimension eines solchen Bauvorhabens standhalten könnte.